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Urhütte & Utopie

Vorwort

Urhütte & Utopie

Der Anfang und das Ende? Eine Grundlage? Etwas Geschichtliches? Die Zukunft? Eine bloße Theorie? In jedem Fall eine architektonische Auseinandersetzung, die jeder Architekt mit sich selbst oder in Gemeinschaft, einmal und am besten immer wieder führen sollte. Über dieses Thema zu philosophieren erfordert mehr als den architektonischen Entwurf. Es beinhaltet in der folgenden Auslegung viel mehr die Auseinandersetzung mit eben diesem und mit der Auswirkung, die Architektur haben kann. Die Auswirkung der guten, aber auch schlechten, konzept- oder gar kontextlosen Architektur.

Meine Interpretationen von Urhütte und Utopie sind keineswegs als Entwürfe zu verstehen. Sie sind ein Ansatz von Ermahnung, ein Aufruf die eigenen gestalterischen Grundsätze und Herleitungen zu hinterfragen und das immer wieder.

Um ein schützendes Dach zu bauen, bedarf es keiner architektonischen Denkleistung oder Konstruktion. Architektur verkörpert die Zusammenkunft sämtlicher vorherrschender Einflüsse, deren Perfektion erstrebenswert, aber niemals erreichbar ist. Durch die Auslegung von Urhütte und Utopie soll dieser Perfektionsgedanke mit Hilfe von zwei Gegensätzen verdeutlicht werden. Eine Wunsch- und eine Angstvorstellung. Die pure Freiheit von Beobachtung und der Selbstmord der Wahrnehmung.

Die bildlichen Aussagen unterstützen den Text. Sie sind kein Kunstwerk, eher eine Unterstützung der Vorstellung, wobei die eigene Vorstellung zu dem folgenden Text, vielmehr “Urhütte” und “Utopie” ist, als jede Darstellung zeigen kann. Denn Wahrnehmung ist individuell, ebenso die Urhütte & Utopie. Es sind Vorstellungen, keine Wirklichkeit, keine abbildbare Sache.

Beobachtung ist das Werkzeug der Architekten, das Konzept die daraus reslutierende Konsequenz, die unabdinglich ist für den Entwurf.

Man kann nur hoffen, dass dieses Werkzeug grade zur heutigen Zeit mehr denn je, geschätzt, geschult und gepflegt wird.

Kira van der Giet


urhuette

Eine Urhütte _ eine Wunschvorstellung

Ich behaupte der Mensch ist kein Erfinder! Der Mensch beobachtet. Er ist wenn man so will Opfer seiner Umwelt. Ich    behaupte, der Mensch beobachtet Geometrien aus seiner Umwelt, ganz gleich auf welchem Fleck der Erde er sich befindet. Ich behaupte, dass er die Horizontale, die Senkrechte und die Diagonale nicht erfunden sondern beobachtet bzw. entdeckt hat, ganz gleich auf welchem Fleck der Erde er sich befand. Ich behaupte, dass die Beobachtung von seiner Selbst, seiner Umwelt mit allen Geometrien der Ursprung der Hütte, eben der Ursprung für Architektur ist.

Ich behaupte die Urhütte ist eine Geometrie, die jede denkbare Form annehmen kann, aber erfunden wurde sie nicht. Ich behaupte, Architektur ist das Verknüpfen sämtlicher Umstände, Proportionen, Einflüssen, Bedürfnissen und Ähnlichem. Der Mensch beobachtet, erkennt und errichtet. Er erfindet nicht, er schafft.

Aus der Beobachtung entstehen Elemente die in Funktion und Wirkung transformiert werden.

Es gibt keinen Typ Ur-Hütte der sich abbilden lässt, kein Muster, keine konkrete Form. Das alles ist irrelevant. Interressant und relvant sind die Vorausetzung, die jeder Hütte, gleich in welcher Zeit sie entsteht, gleich an welchem Ort sie entsteht, vorraus gehen. Beobachten, erkennen, bewirken zu jeder Zeit, immer wieder aufs Neue.

Das architektonische Konzept muss immer wieder eine Urhütte beinhalten. Eben die Auseinandersetzung mit dem großen Ganzen, sämtlichen Bedürfnissen, der Wahrnehmung aus möglichst vielen Perspektiven, dem Ein-und Ausblick, den erschaffenen Grenzen, letztendlich einem unerfassbarem Spektrum an Einflüssen und Gegebenheiten.

… Die Ur-Hütte ist ein Bild transformierter Eindrücke und Beobachtungen individueller Wahrnehmung…


utopie

Eine Utopie _ eine Angstvorstellung

Die Utopie hat unbedingt etwas mit der Ur-Hütte zu tun!

Ich befürchte, der Mensch wird fähig sein, seine komplette Umwelt, in jeder erdenklichen Form künstlich zu animieren. Ich befürchte er wird fähig sein, Behaglichkeit, Umwelt, Außenraum, Innenraum usw. zu animieren. Ich befürchte, dass diese künstlich hergestellte Wirklichkeit zur absoluten Irritation der Wahrnehmung führt. Die Beobachtung kann nicht mehr fortschreiten, nicht mehr existieren, denn der Mensch sieht nur noch was schon gesehen wurde. Ich befürchte, dass nicht mehr die “Natur” sondern die Technik, von den von uns geschaffenen Computern über unser “Klima” entscheidet.

Ich befürchte, dass die wesentlichen Bestandteile der Architektur verloren gehen werden. Elemente, Einblick und Ausblick werden nur noch in der animierten Wirklichkeit existieren. Der Mensch bewegt sich dann nicht mehr auf Straßen, er kommuniziert nicht auf Plätzen. Die Welt wird zu einer Vernetzung, in der alles in Sekundenschnelle  erreichbar scheint. Grundrisse, bzw. Raumfolgen existieren nicht mehr, sie sind variabel. Ein und derselbe Raum ist wandelbar in Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer, eben in alles Denkbare.

Wenn sowohl Außenwand als auch Innenwand aus einer animierten Fassade bestehen, geht der Kontext verloren, jegliche Möglichkeit zu beobachten, zu erkennen geht verloren… Stadt gibt es nicht mehr, sie wird ersetzt durch ein Netz, das den Menschen mit Nahrung versorgt, Abfall entsorgt, Kommunikation möglich macht. Ein Netz, das eine einzige Irritation ist. Ein Netz, das den Lebensraum auf einen einzigen Raum beschränken könnte. Der Wohnraum ist dann ein Katalog. Die Wände des Raums sind die Seiten des Katalogs, der Mensch ein Gefangener in einer Welt die er selbst zu kontrollieren denkt, in der er seine Beobachtung, seine Fähigkeit zu erkennen und im Endeffekt zu bewirken, selbst vernichtet hat.

… Die Utopie ist ein Katalog der beobachteten Umwelt, der keinen Fortschritt mehr ermöglicht…